Eine Reise in die Vergangenheit der Mühle ist gar nicht so einfach. Am Anfang hatten wir eine Idee. Wir wollten Lauterbach für kranke Menschen öffnen. Aber diese Idee hatte weder Kopf noch Füße. Die Gestalt, die sie heute hat, entwickelte sich erst in langen Jahren voller Widerstände und der notwendigen Phantasie, sie bewältigen zu lernen. Die Phantasie war es, die zum Herz der Mühle wurde, und die Widerstände wurden unsere Lehrmeister. Mein Interesse galt schon immer dem Menschen und der intensiven Frage, was macht ihn krank und was zerstört seine Lebensfreude. Und weil wir längere Zeit noch keinerlei medizinische Apparaturen zur Verfügung hatten, wurde die Beziehung zu den Menschen auf natürliche Weise die Wiege für unsere Entwicklung.

Als meinem Mann im Jahre 1958 der Gedanke kam, ein Kurhaus aus dem landwirtschaftlichen Betrieb zu machen, ging ich auf diesen Vorschlag spontan ein, mit einer im nachhinein gesehen fast beängstigenden Naivität, denn ich fing an, unter recht abenteuerlichen Voraussetzungen, „Kurhaus“ zu spielen: strohgefüllte Bauernbetten, Wasser, das aus dem Lauterbach kam, vier KW Strom, wenn sich das Mühlrad drehte und tägliche Lichtspiele aus verglimmenden Glühbirnen, Kerzen und Zeltlampen, wenn der Strom versiegt war. Bier und Butter lagen im Eiskeller, mit selbstgesägtem Eis aus dem Ostersee. Die Zimmer waren schmal wie Handtücher mit spartanischen Sanitäranlagen aus Müllers Zeiten.

Natürlich war der erste Doktor ein Kneipp-Arzt. Wer sonst hätte soviel Freude an einer „Nicht-Klinik“ haben können, deren Reiz darin bestand, dass sich das Mühlrad drehte, die Vögel vor den Fenstern zwitscherten, das Heu in die Zimmer duftete und die Märzenbecher zu Tausenden vor der Haustür blühten?

Die guten Geister der Mühle – die Mitarbeiter der ersten Stunde – halfen mit ihrer Begeisterungsfähigkeit die Verstörtheit der Patienten zu mildern, wenn Wasserleitungen zum wiederholten Male eingefroren waren oder durch die alten Dächer der Regen tropfte und wir herbeieilten, um das Wasser in Schüsseln aufzufangen. Absolutistisch hatten sich alle der vegetarischen Küche zu erfreuen und schwelgten einmal wöchentlich, wenn eine riesige gebackene Starnberger Renke auf beiden Seiten über den Tellerrand hing.

In dieser allerersten Zeit roch es noch schön nach Kuhstall, weil wir zusammen mit den Kühen unter einem Dach lebten und in dieser allerersten Zeit waren wir noch unschuldig wie Adam und Eva, weil wir es noch nicht anders wussten. Dann begann die große Wandlung. Wir hatten vom Baum der Erkenntnis gegessen und unsere Unschuld, nicht zu wissen, was ein Kurhaus ist, verloren. Wir fassten die Quelle, aus der der alte Hygieniker Pettenkofer in Lauterbach seinen Kaffee gebraut hatte, und bald floss herrlich klares Quellwasser aus allen Leitungen. Die Scheune verwandelte sich in bescheidene Zimmer, die Kühe wanderten in die alten Pferdeställe aus. Der Patient zog als glücklicher Wiederkäuer von damals noch immer ideologisierter Rübenkost und somit als echter Nachfolger in den Kuhstall ein.

Doch ein medizinisches Konzept, das uns ein eigenes Gesicht geben konnte, hatten wir während dieser Jahre der Überlebenskämpfe noch nicht erwerben können. So geschah es z.B., dass wir durch einen Arzt Anhänger einer Tee-Ideologie wurden. Jeder Patient bekam einen eigens für ihn rezeptierten und in der Apotheke sorgfältig abgewogenen Tee, der aus 5 bis 7 Kräutern gemischt war. In der Küche türmten sich Berge von Tüten, ein Organisationsproblem erster Rangordnung. Als ich eines Nachts vom Zweifel erfasst, mich heimlich in die eigene Küche stahl und den Inhalt der Tüten inspizierte, kam das große Staunen über mich: Eine Sorte dieser individualistisch abgewogenen Teetüten vermehrte sich vor meinen Augen wie das Linsengericht des Esau. Was von dieser Vielfalt schließlich übrig blieb, war kein Teegeheimnis mehr.

Nach dem Tod meines Mannes 1964 ging ich jahrelang durch einen Tunnel großer finanzieller Sorgen. Ich kämpfte gegen einen Drachen, der immerzu neue Köpfe bekam. Nach vier Jahren besiegten wir ihn endlich und das nur, weil mir in wichtigen Augenblicken faire Menschen begegneten, die mich leben lassen wollten und Freunde, die mitdachten.

Nachdem ein neuer Internist unsere Medizin entideologisiert hatte, erblickten wir 1969  das Licht der Welt als Herz-Kreislaufklinik. Professor Max Halhuber – damals Chefarzt in Höhenried – bot sich als Hebamme an und zog das Kind sehr liebevoll mit auf. Er hatte aus Israel neue Anregungen zur Rehabilitation von Herzkranken mitgebracht. Seine Vorstellung, Infarktpatienten nicht zur Passivität und der damit verbundenen Resignation oder Depression zu verurteilen, sondern stattdessen eine Flucht nach vorne zu wagen, zog mich an. Was heute selbstverständlich geworden ist, war damals noch medizinische Revolution.

Es begann für uns ein intensiver Lernprozess. Es galt, dieses Therapiekonzept zu verinnerlichen und nach und nach individuelle Therapieformen daraus entstehen zu lassen. Ich fand fähige Mitarbeiter, die ideenreich und sensibel genug waren, um Uniformes zu vermeiden. Es entstand eine modifizierte Weise des autogenen Trainings, der Atemtherapie und der Sporttherapie, in der die Patienten lernten, ihre Selbstwahrnehmung anzuwenden und zu spüren, dass sie mehr in sich verarbeiten, als nur eine körperliche Reaktion. Darüber hinaus begannen wir in dieser Zeit mit einem zweiten Therapieweg, der künstlerischen Gestaltung. Wir gingen davon aus, dass Menschen über die sinnlichen Eindrücke sich selbst wieder tiefer erleben können. Ein Infarktpatient verliebte sich in die Mühle und bot an, als Keramiker mitzuarbeiten und eine Töpferstube aufzumachen. Anfangs brachte er in Obstkisten die kostbare Fracht erster Versuche in fremde Öfen nach München zum Brennen –  Tontöpfe, Lampen, Uhren, Salatschüsseln, Puppenköpfe, ganze zoologische Gärten an Krokodilen und Katzen. Die Keramikbegeisterung griff schließlich so um sich, dass wir inzwischen in zwei eigenen Öfen brennen. Die Malwerkstatt entwickelte ihren eigenen Geist unerschöpflicher Phantasie für Aquarelle, Zeichnungen, Collagen, Masken u.a..

Die Spuren des Wachstums haben sich in den Bauten niedergeschlagen, ganz organisch, wie Jahresringe um einen Stamm. Wir schufen neue Räume aufgrund der aufgetretenen Bedürfnisse im Klinikablauf und die Befreiung nach jedem Bauabschnitt war unvorstellbar groß.

In den ersten zehn Jahren blieben wir noch innerhalb unserer alten Mauern. Als wir in den siebziger Jahren immer mehr wegen fehlender Zimmer bedrängt wurden, gab es bald keinen leeren Raum mehr, der sich nicht in ein Patientenzimmer umwandeln lassen musste. Nach ihrer Verwandlung gaben wir der ehemaligen Melkerküche und einer winzigen Kammer Kosenamen, um sie leichter empfehlen zu können. So hieß es dann: „Sie können leider nur noch Klein-Erna haben oder nehmen Sie die Residenz.“ Namen können Hoffnungen wecken, wie auf einer Speisekarte.

Mitte der siebziger Jahre begannen wir mit Neubauten. Zuerst entstand das Brunnenhaus, das seinen Namen erhielt, als die Brunnen noch in unserer Phantasie waren und dann später das Turmhaus, das viel Aufsehen erregte, weil alle dachten, wir bauen eine Kirche. Auf der Turmspitze ist ein Phönix beheimatet, aus dem Wunsch heraus, dass es manchem Patienten gelingen möge, wie ein Phönix aus der Asche zu steigen.

Anfang der achtziger Jahre legten wir unsere Medizin nach und nach in die Hände erfahrener Kardiologen. Es bildete sich ein interessiertes und kreatives Ärzteteam heran, das sich gemeinsam mit dem um Psychotherapeuten erweiterten therapeutischen Team mit den Ängsten und Nöten der Patienten auseinandersetzt.

In den neunziger Jahren fegte dann der Sturmwind der Erneuerung durch das Haus. Sabrina, meine Tochter, nahm mit einer Unbarmherzigkeit ohne gleichen jede Unzulänglichkeit wahr, die sich eingeschlichen hatte und runderneuerte die ganze Klinik nach eigenen Entwürfen, um ihre Vorstellung von Harmonie und Ästhetik zu verwirklichen. Es war, als ob nach all` der Not und Mühe in der Aufbauzeit nunmehr die Freude und Lust am Gestalten die Mühle erfasst hatte.

Die Entwicklung dieser circa 50 Jahre konnten wir nur bewältigen, weil sich viele Mitarbeiter mit ihren Aufgaben identifizierten und immer schöpferisch blieben. Einige Mitarbeiter der ersten Stunde sind immer noch bei uns. Vieles, was uns Struktur gegeben hat, haben wir auch den persönlichen Freunden der Mühle zu verdanken. Sie haben uns ihre Zeit geschenkt und ihre Phantasie. Freundschaft ist wie ein Baum, der immer neue Blätter treiben muss. Ich danke diesen Freunden und insbesondere unserem Beirat.

Es gibt sicher noch Ungeformtes, das auf uns wartet, aber die Mühle wird nie vollkommen werden, dazu lieben wir zu sehr das, was sich bewegt.